Pro Quatuor 2007

Sehr geehrte Musikfreunde,


von der Liebe hat jeder eine Vorstellung. Sie existiert, weil wir kein ewiges Leben haben, allein geboren werden, im Bewusstsein unserer Vergänglichkeit. Sie ist das stärkste Gefühl, zu dem Menschen fähig sind und die Krönung unseres Daseins. Nur verschieden ist diese Erfahrung, so sehr, dass – obwohl tausendfach besungen, unendlich gereimt, gemalt und bedichtet – noch immer Facetten unausgeleuchtet bleiben, Raum geben für unzählige Entäußerungen. Musik ist ihre Sprache, unmittelbarer noch als das Wort. Beiden gemeinsam ist die Bindung an Zeit: Liebe erklingt und verklingt, wo Worte das versuchen, finden sie sich meist ebenfalls in der fast musikalischen Ordnung von Poesie: in Terzinen, Sonetten oder Hexametern. Liebe schwingt in uns wie Musik und beide durchbrechen mühelos emotionale wie verstandesmäßige Schranken. Man kann sich ihrer Wirkung nicht entziehen, manche scheuen gar ihre Kraft aus Angst, überwältigt, fort getragen zu werden.

In den Programmen der vier Konzerte dieses thematischen Wochenendes findet sich die Liebe in unterschiedlicher Gestalt: verbunden mit kaum begreifbarem Respekt bei Johannes Brahms, mit schierer Verzweiflung bei Leos Janacek, mit milder Melancholie bei Antonin Dvorak oder exibitionistischem Überschwang bei Elvis Costello. Kammermusik von Opern-Komponisten rundet nicht zufällig diese Palette ab: sind doch die opernhafte Dramatik von Ottorino Respighis „Il Tramonto“ oder die aus Giaccomo Puccinis „Manon Lescaut“ entnommene Melodie der „Chrysanthemi“ Daseinsformen von zwingender Eingängigkeit und tiefer Erzählung von Liebesdingen. Der Tod als die immerwährende Kehrseite erscheint hier als untrennbar mit der Liebe verbunden, über das Leben hinaus!

Interessant an all diesen Betrachtungen ist die dahinter verborgene Suche nach dem zweiten ICH, dem Pendant zum eigenen Dasein. Die Liebe als Bedingung, Angst und Einsamkeit überwinden zu können, ein harmonisches Gegenüber, ist auch für die Kunst von entscheidender Bedeutung. „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst Du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn Du die Kunst genießen willst, musst Du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein. (...) Wenn Du liebst, ohne Gegenliebe hervor zu rufen, ist Deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“ (Karl Marx) Andererseits: Wie viele wunderbare Werke sind im Laufe der Kulturen entstanden aus dem Impuls dieses Unglückes, aus der Kraft der Einsamkeit. (Brahms’ „frei aber einsam“ gehört hierhin) Man kann besser vom Dunkel in die Helligkeit schauen als umgekehrt, so geht der Spruch, das Glück der Illusion wird in seiner Erfüllung wertlos. Die Kunst ist sicher deswegen die einzige produktive Art, sich mit der Liebe in all ihren Erscheinungen auseinander zu setzen. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt. Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.“ (J.W.v. Goethe, Marienbader Elegie) Freude und Leid, Genesung und wieder Freude! In diesem Sinne wünsche ich wie jedes Jahr Ihnen und uns erfüllende, bewegende Konzerte!

 
Ihr

Matthias Moosdorf

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