Pro Quatuor 2013

Einführung
Musik verändert unsere Kommunikation. Sie bereichert Gefühle oder ruft sie erst hervor, sie verbindet sich mit Erinnerungen, schafft Verständnis, beginnt dann zu erzählen, wenn Worte schon lange nichts mehr sagen können. Sie ist international, braucht keine Vokabeln und keine Grammatik und wird doch mit der Kenntnis von musikalischen Vokabeln, musikalischer Grammatik und deren Kontext um Vieles reicher und klarer.


Liebhaber von Kammermusik sind in besonderem Maße gebildet und empfindsam. Kammermusik ist subtil, verzichtet auf große Gesten und ist gerade dadurch so einzigartig. Sie berührt die tiefsten Gründe der Seele, aus deren kompositorischem Geist sie auch von den größten Musikern geschaffen worden ist. „Kammermusik spielt man für die Musik allein und nicht für den Erfolg“ sagt Menachem Pressler, der seit über 60 Jahren hauptsächlich als Kammermusiker auf den Podien der Welt zu Hause ist.
In dieser Form oder Gattung verdichtet sich die musikalische Suche nach Wahrheit. Einer Wahrheit, welche dem Leben Sinn zu geben vermag - über das absehbare Ende hinaus. Denn was bleibt uns? Und was bleibt von uns? Gemessen an dem, was in den zivilisierten Gesellschaften während einer Lebensspanne wichtig dünkt, leuchtet die Kraft der Kunst, klingt die Musik über Generationen. Gerade jene, die sich unter Entbehrungen in ihrer Zeit behaupten musste: gegen die Ignoranz und Trivialität des Hier und Jetzt. Gegen die Aufrechnung in Kosten und Nutzen. Gegen das allgegenwärtige Streben, unsere Fragen zu verkürzen. Kann es denn sein, dass Antworten schon gegeben werden, obwohl die Frage kaum verhallt ist? Kammermusik ist mehr Frage als Antwort, hat auch mit dem Hineinhören in sich selbst zu tun, der eigenen tiefen Einsicht. Kein instrumentaler Pomp, vielfarbig aufgefächerter Klang, kann ein Nichts von seiner Offenbarung verdecken. Jede Stimme trägt Individualität, ist wesentlich, ja unverzichtbar. Eine Einsicht also auch: mehr braucht es nicht, aber weniger geht auch nicht! Kein Hinweis auf die Qualität von Dirigenten oder der Verweis auf die Begleitkompetenz der Orchester lenkt den Blick oder das Ohr von der eigenen Verantwortung für das klangliche Ergebnis. Demokratie in der Kammermusik wird nicht in Stein gemeißelt und pro Kopf verteilt, sondern auf der Basis von klingender Überzeugung der verwendeten Argumente. Wäre das nicht schon nahe an der Vollkommenheit des Miteinanders?

Die vielleicht höchste Stufe dieser Sublimierung soll im Zentrum der nachfolgenden Betrachtungen stehen: das Streichquartett. Für Musiker die mythische Projektionsfläche ihre Berufes schlechthin, für den Liebhaber das non plus ultra an Vollkommenheit. Zwei Zitate stecken ein Spannungsfeld ab, in dem sich Anspruch und Wirklichkeit begegnen. Als Goethe einmal vom Streichquartett sagte, er "höre hier vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten", drückte er eine Auffassung aus, die bis in die Musik unseres Jahrhunderts reicht: Musik sei Klangrede, eine Art von Sprache, die auf Grund einer verbindlichen Grammatik verstanden werden kann. Gekoppelt daran war die Vorstellung eines musikalischen Wettkampfes zwischen gleichwertigen Partnern. Die Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv könnte er ebenso gemeint haben wie die Tatsache, dass ein Publikum diesem „Werden“ einer Interpretation beiwohnen kann. Ein ergebnisoffener Findungsprozess also, von dem manche Teile öffentlich sein sollen? Das wäre wunderbar einfach und schon deswegen zu oberflächlich, weil wir tagtäglich in TV-Diskussionen die Beschränktheit einer solchen Unterhaltung gezeigt bekommen. Lord Menuhin hingegen hält „das Streichquartett für den wohl wichtigsten Beitrag Europas zur Kultur“ Das klingt imposant und erscheint auf den ersten Blick etwas übertrieben. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich daraus ein Anspruch: musikalisch im bestechenden vierstimmigen Satz, sozial in der Interaktion von vier aneinander gebundenen Individuen, gesellschaftspolitisch in der demokratischen Meinungsbildung, klanglich in der intimen Reduktion der Mittel, historisch als Messlatte von kompositorischer Kreativität, psychologisch in der empathischen Bewältigung zwischenmenschlicher Probleme. Das Ganze ist hier unübersehbar mehr als die Summe seiner Teile. Genug Gründe also, sich mit diesem Anspruch und der daraus resultierenden Verantwortung anhand verschiedener Blickwinkel systematisch auseinander zu setzen.

Einige Einschränkungen seien mir bitte gestattet: nicht umsonst existiert bis heute kein all-umfassendes Lehrbuch zur Kunst des Reitens, des Komponierens oder dem Weinbau. Wissen und Erfahrung hemmen im Gegenteil sogar den Mut zu verbindlichen Thesen. Je größer meine Einsichten werden, desto mehr scheue ich mich, den Komplex an vielen Fragen und wenigen Antworten weiter zu geben. Allerdings wird diese Scheu durch das Anliegen kompensiert, der Erosion an Vielschichtigkeit, Qualität und der mangelnden Bereitschaft, sich auf ein musikalisches Lebensexperiment einzulassen, ein Tor weiterer Möglichkeiten aufzutun. Der Raum dahinter ist groß und muss selbst erkundet werden!

Jeder Buchstabe ist im Buch nur einmal besetzt. Jedes Schlagwort oder Thema, von A bis Z, wird Hören und Spielen bereichern. Vieles Mehr ist möglich und wäre willkommen. Ein gutes Feld, auf dem des Lernens und Verstehens kein Ende ist!

Inhalt und Form brauchen ein niveauvolles Verhältnis, besonders in der „Königsgattung der Musik“. Oder, um es mit den Worten Hans Zenders zu sagen: „Man hört nur was man weiß.“ Und gutes Hören sollte auch des Spielers erste Tugend sein.

 


Matthias Moosdorf

Tokio, Mai 2013

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