"Hammerklaviersonate" - Beethoven

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Musik mehr in uns als wirklich lebendig erreichbar, sie wurde gesungen und in gebildeteren Kreisen selbst gespielt. Nur sehr herausgehobene Personen verfügten nach Belieben über sie mit eigenen Musikern oder gar Orchestern. Die Elektrizität war noch nicht erfunden, kein Grammophon, kein Walkman, Radio oder soziales Medium. Wer das Glück hatte, ein wirkliches Konzert selbst zu erleben, zehrte von diesen Empfindungen Monate, die Allermeisten hatten nur ihre Stimme und Hörensagen. Die Berühmtheit eines Frederick Chopin als Pianist beruhte auf etwa 30 gegebenen Konzerten in Europa – wohlgemerkt nicht pro Jahr sondern auf sein Konzertleben verteilt. Wer Musik um sich haben wollte und es sich leisten konnte, spielte ein Instrument.

Und weil das Wesen der Musik, ihre stiftende Geselligkeit, die angenehme Erregung der Gefühle geschätzt wurde, musizierte man zusammen wo es ging: daheim im Salon oder in organisierten Matineen und Soireen. Der Austausch von Geist, Gedanken und Neuigkeiten aller Art war ohne Musik nicht denkbar.

Zu diesen Neuigkeiten gehörte auch immer wieder neu geschaffene Musik. Man hatte von dieser oder jener Oper gehört, Sinfonien und Kammermusik, Teilen daraus, ja auch den damaligen „Ohrwürmern“ gehörte die Aufmerksamkeit. Komponisten die ihre Werke einem größeren Publikum bekannt machen wollten, taten gut daran, gleich eine oder zwei Bearbeitungen für gängige Besetzungen mit zu verlegen. Gern mit Klavier, Bläsern und Streichern – hier konnte man ganze Orchester adaptieren – oder aber für bereits gut eingeführte Gattungen: Klaviertrio, Streichquartett oder -quintett. Mit der Zeit entwickelte sich diese Kunst der Bearbeitung zu einem eigenen Genre, in dem nicht nur die gesuchtesten Interpreten ihrer Profilierung nachgingen, sondern auch die Komponisten selbst. Wichtig war, aktuell zu sein, „in aller Munde“. Mit jedem Jahr nach der Drucklegung wurde das öffentliche Interesse kleiner. Keiner kam auf die Idee, „alte Hüte“ präsentieren zu wollen, das Bewusstsein für die musikgeschichtliche Bedeutung kam viel später.

Ludwig van Beethoven war jene moderne Lichtgestalt, die heutigen Superstars vergleichbar ist. Er bewohnte einen eigenen Kosmos, in seiner und mancher Zeitgenossen Wahrnehmung auf Augenhöhe mit Dichterfürsten und richtigen Kaisern. Seine Musik genoss riesigen Zuspruch und Beethoven genoss diesen indem er ihn mit Bearbeitungen für diverse Besetzungen vermehrte. Auch wenn er mit Qualität dieser Bearbeitungen durch Zeitgenossen nicht zufrieden war, schuf er den Maßstab dafür mit eigenen, manche sogar mit einer eigenen Opuszahl. Viele der in den vergangenen Jahrzehnten wiederentdeckten Kostbarkeiten haben einen ganz eigenen Reiz: die Solomon-Adaptionen der Sinfonien Haydns oder Mendelssohns Orchestertranskriptionen durch Kollegen des Leipziger Gewandhauses. Die Transparenz der „Metamorphosen“ von Richard Strauss in der Fassung für 7 statt für 23 Streicher ist einprägsam, die Instrumentierung der Lieder Schumanns, Schuberts und Liszt’s durch Aribert Reimann eröffnet gar ganz eigene Klangräume. Das „Siegfried Idyll“ Richard Wagners erreicht eine intime Eigenständigkeit aus der Sublimierung einer Opern-Reflexion. Und für Klavier gab es und gibt es sowieso alles bearbeitet. Es war das Orchester des bürgerlichen Wohnzimmers, HiFi-Anlage und Juke-Box in einem. Und das „klavierspielende Frauenzimmer“, die gebildete Ehefrau, die Sachwalterin dieser für das Bürgertum so wichtigen Welt.

Auf dieser CD sind nun drei Werke versammelt. Aus der beschriebenen alten Welt stammen die beiden Bearbeitungen aus Beethovens einziger Oper „Fidelio“. Diese sind solide, relativ einfach aufzuführen und haben sicher den Gefallen gefunden für den sie verfasst worden sind.

Das Hauptwerk aber ist eines der bedeutendsten Kompositionen der gesamten Musikgeschichte. Die „Große Sonate für das Hammerklavier“ in B-Dur, op.106, ist das opus summum der klassischen Klavierliteratur und in Ausdehnung und Tiefgang ein gewichtiger Pfeiler der Kunst des Abendlandes. Gewidmet ist sie seinem Schüler, dem Kardinal Erzherzog Rudolph von Österreich. Die hier vorliegende Bearbeitung für Streichquartett besorgte David Plylar, Kustos an der Library of Congress in Washington D.C. in den letzten Jahren.

Die enormen technischen Schwierigkeiten der Klavierfassung, die Ausnutzung der 88 Tasten des Instrumentes, werden durch die fast 1:1 – Übertragung auf vier Streicher nochmals verstärkt. Selbst die Anforderungen der Quartette opp.127-135 erscheinen in diesem Vergleich regelrecht überschaubar. Auf der anderen Seite werden im berückenden langsamen Satz Linien und Farben hörbar, die das Klavier bisher nicht zu erwecken vermochte. Von der individuellen Zeichnung mehrerer Instrumente profitiert auch die imposante Fuge; in ihrer formalen Größe gewaltiger als die Große Fuge op.133.

 

Diese Sonate Nr.29 in B-Dur (hier nach C-Dur übertragen) entstand um 1817 als Beethoven, weitgehend ertaubt, mit 47 Jahren den Kosmos der klassischen Techniken weitgehend durchschritten und geprägt hatte. In den ihm verbleibenden Jahren verschob er nicht nur den Maßstab an den Komponistenberuf beträchtlich, sondern schuf den des professionellen Interpreten dazu. Seine Diabelli-Variationen, die letzten Quartette, seine 9.Sinfonie und die Missa solemnis heben sich - qualitativ und im Anspruch an jede Aufführung - in ähnlicher Form über alles bisher Dagewesene wie seine letzten Klaviersonaten, die in c-moll op.111, aber vor allem jene in B-Dur. Bis heute streiten Musiker und Wissenschaftler über die Ausführbarkeit seiner bisweilen bizarren Metronom-Anweisungen. Terzfall-Sequenzen des ersten Satzes und ihre Bewältigung sind der Prüfstein ganzer Generationen von Pianisten. Die Spannung der harmonischen Disposition könnte breiter kaum sein: der Grundtonart B-Dur wird ein kühnes h-moll, später sogar H-Dur, beiseite gestellt. Eine so gewaltige Konzeption sprengt fast den Sonatenhauptsatz und erfährt ihren Höhepunkt spät, mit dem Eintritt in die Coda. Zu ihrer Entstehung unspielbar, wurde die Sonate erst unter den löwenhaften Händen eines Franz Liszt, lange nach dem Tod des Komponisten, im Konzert zu erleben.

Ähnlich dem Quartett op.130 - in der gleichen Tonart - folgt dem fulminanten Kopfsatz ein Scherzo in brillanter Kürze - als sollte das eben gehörte Gewicht alsbald zerstreut werden.

Der nachfolgende langsame Satz, Adagio sostenuto, Appassionato e con molto sentimento, lässt schon im Titel Gewicht und Bedeutung erkennen. Er gehört mit seiner Verkettung von Sonatensatz und Variation zu den schönsten Gedanken des an tiefen Empfindungen ohnehin so reichen Meisters. Die Cavatine aus erwähntem op.130 ist vom Gefühl nicht weit, jedoch wesentlich kürzer und einfacher.

Der letzte Satz beginnt in einer hingewebten Oktavkaskade. In ihr wird der Klangraum des Nachfolgenden abgesteckt. Mit Anklängen an Kanon, Invention und Fugato führt uns Beethoven durch die Geschichte der Mehrstimmigkeit. Dies braucht es, um zu verstehen was nun passiert. Das große Fugenthema und die Stationen seiner Verarbeitung stellen in ihrer Komplexität alles bisher Dagewesene in den Schatten: Augmentation, Spiegelung, Krebs, die Verknüpfung mit einem weiteren Thema und die jeweilige pianistische Handhabung unter Beachtung idealer formaler Beziehungen und dem Transport emotionaler Welten sind so beispiellos und lassen uns so staunend zurück wie Michelangelos Sixtinische Kapelle. Es lohnt sich, mit den Noten auf dem Schoß, die Architektur Facette um Facette zu bewundern.

Erst als alle Möglichkeiten des Kontrapunkts durchschritten und alle möglichen harmonischen Verbindungen berührt wurden, löst sich das Geschehen in einem Turm aus Trillern und beschließt einen geistigen Entwurf, der in Verbindung von Substanz, Können und musikalischer Beseeltheit so deutsch ist wie dies nur eben sein kann. Es ist diese einzigartige Balance zwischen Inhalt und Form der Musik, die es woanders in dieser Vollkommenheit niemals gegeben hat.

Die Hammerklaviersonate macht auch anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung.“ – Joachim Kaiser

Matthias Moosdorf (Feb.2018)

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